To Michael (Between July 1937 and September 1939)

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Einige Worte zur Begründung meines Misstrauens gegenüber Keynes’ Krisentheorie (die ich übrigens nach wie vor besser verstehen lernen möchte).

Die theoretische Nationalökonomie ist formale Wissenschaft, eine Theorie der Wahlhandlungen – eine „Logik“ des Wählens zwischen begrenzten Mitteln. Das methodische Problem der Nationalökonomie als Sachwissenschaft von der Erzeugung und Verteilung materieller Güter und Dienste besteht in diesem: wie ist es möglich jene Logik auf dieses Sachgebiet anzuwenden? Besonders auf das Sachgebiet „unser gegenwartiges Wirtschaftssystem“, welches wir mit Recht auch als Tauschwirtschaft oder Marktwirtschaft zu bezeichnen pflegen? Ich glaube, bis zu diesem Punkte sind wir uns einig.

Die Entdeckung der Nationalökonomie als einer Theorie des „Wählens“ (statt eines Sachgebietes) war die Leistung Mengers. Die er in seinen „Grundlagen“ vollzog. Dass der Tausch aus der Walhandlung abgeleitet werden kannwar der Hauptinhalt der Leistungen Mengers und Wiesers. Böhm-Bawerk versuchte |mit die Empirie des tastenden Titanen| die gesamte Nationalökonomie unter diesem Gesichtspunkt zu behandeln. Methodisch hat erst Schumpeter den Versuch unternommen die Nationalökonomie als katallaktik, d.h. als Wissenschaft vom Tausch, zu begründen, die Bezeichnung, unter der auch Mises die Nationalökonomie begreift. Bei Schumpeter selbst stehen Gleichgewichtstheorie und Katallaktik im Wettbewerb – die Grundanordnung der beiden ist aber nicht identisch.

Das Zinsproblem ist bisher ungelöst. Es gibt keine befriedigende Erklärung dafür, wieso es möglich sei, dass der Besitz gewisser Güter zur Quelle von Einkommen, d.h. eines ständigen Flusses verfügbarer Güter werde. Böhm-Bawerk gelang es alle vorherigen Zinsangenommen, (so von J.M. Keynes nicht), noch scheint sie ganz klar zu sein. Schumpeter hat das Problem für statisch unlösbar erklärt und eine dynamische Zinstheorie aufgestellt. Er leugnet, dass Zins als statisches Einkommen möglich sei. Dies liegt an seinem Festhalten an der Zurechnungstheorie – der Leistung Wiesers, ohne deren Verständnis die eigentliche theoretische Crux des Zinsproblems nicht zu erfassen ist.

Nun zur Bezeichnung des Zinses als des Agios gegenwärtiger Güter gegen zukünftige Güter. (Siehe hierüber Böhm-Bawerks „Exkurse“, in denen er seine Theorie gegen Wicksell, Fisher, u.a. verteidigt).

Der Grundeinwand ist die mangelnde Klarheit in der Verwendung der theoretischen Grundbegriffe wenn z.B. vom Zins als Preis, von der Kapitalanlage als Tausch gehandelt wird. Nicht etwa als ob solchen Bezeichnungen die Berechtigung schlechthin abgesprochen werden könnte. Keineswegs. J.B. Clark hat in seinem großartigen “Distribution of Wealth” gezeigt, mit welchem Erfolg die Vorstellung des Preises verallgemeinert werden kann. Das heißt aber noch lange nicht dass z.B. auch eine Theorie des Geldzinses diese Begriffe verwenden darf. Denn Geldwirtschaft ist eine Ableitung aus der theoretischen Nationalökonomiebei der gewisse Voraussetzungen gemacht werden, und die Frage ist berechtigt, ob diese Voraussetzungen nicht im Widerspruch zu den weiteren Voraussetzungen steh[e]n, die man bei der Erklärung des Geldzinses macht.

Mit anderen Worten: die Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie können nicht ohne Weiteres auf die Geldwirtschaft übertragen werden. Denn die Geldwirtschaft muss selbst erst abgeleitet werden wobei eine gewisse Anordnung angenommen wird. Die methodische Schwäche Keynes’ liegt darin, dass er sich dieser Schwierigkeit nicht bewusst ist. Er verwendet die Nationalökonomie gegen sie selbst ohne erst zu fragen, unter welchen Voraussetzungen ihre Prämissen gelten.

Ein Beispiel: Nur in der Geldwirtschaft gibt es Angebot und Nachfrage (die Rückübertragung dieses Begriffspaar in eine naturale Tauschwirtschaft ist gekünstelt und jedenfalls wissenschaftlich ergebnislos.) Kann nun „Angebot“ und „nachfrage“ ohne weiteres auf den Geldmarkt angewendet werden? Nein, nicht ohne dich erst derjenigen Prämissen bewusst zu werden, die der Konstruktion Geldwirtschaft unterliegen. Sonst lauft man Gefahr, eine Untersuchung über die Natur des Geldes mit Hilfe von Begriffen anzustellen, die bereits stillschweigend eine Theorie über diesen gleichen Gegenstand enthalten. Auch dies kann natürlich angezeigt sein, solange man sich nur dieser Schwierigkeit inne bleibt. Aber selbst der Schatten einer Unklarheit über das Wesen der Grundbegriffe muss auf diesem Gebiet verhängnisvoll werden.

Im Lichte dieser methodischen Bedenken werden Dir vielleicht auch die Bemerkungen, die ich seinerzeit über Keynes’ Buch machte mehr Eindruck machen als damals.

Ich möchte einmal gerne erfahren, wie Du eigentlich über all diese Dinge denkst.

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DE An Michael (Zwischen Juli 1937 und September 1939)
FR A Michael (Entre juillet 1937 et septembre 1939)