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From Karl Polanyi
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KPI Description

Title Draft Manuscript, (unpublished) – N. t. – Part. 1, 1920-1922
Author Polanyi, Karl
Description File consists of an unpublished hand-written draft manuscript in German by Karl Polanyi, 36 p., and a transcript typed in the1980’s. The first part of the manuscript is titled "Wissenschaft und Sittlichkeit". Also included in the file are 13 hand-written pages of an English translation titled “Science and Morality”. (See files: 2-1 to 2-9).
URI http://hdl.handle.net/10694/70
Date 2010-08-04

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Table of contents

Name Archive KP
M T 1 2
Wissenschaft und Sittlichkeit 1-36 37-65 1-36 1)-28)

Wissenschaft und Sittlichkeit

[I. Die Verkehrung von wissenschaftlicher und sittlicher Erkenntnis]

KPA 1-53, 37.jpg

[1] Es[1] ist heute ein weiterverbreiteter Glaube, dass sich für das gesellschaftliche Handeln diese beiden ungefähr auf die folgende Weise zu einander verhalten. Für einfache Fragen und einfache Menschen überhaupt sind die Ratschläge des Lebensweges zureichend. In komplizierteren Fällen genügen sie nicht: da hat die Wissenschaft mit ihrem weiteren Horizont und genaueren Methoden einzugreifen und die Führung zu übernehmen.

In Wirklichkeit verhält es sich umgekehrt: dass Wissen reicht, wie im Handwerk, in der Technik, in der Heilkunde, so auch in menschlichen Dingen für einfachere Fragen aus. Ob es nun ein Alltagswissen, oder infolge genauerer Ordnung und Methodik ein sogenanntes wissenschaftliches Wissen ist, ist hierbei gleichgültig. Soweit der Überblick reicht und die Erfahrung für jeden Fall eine gesonderte Stütze hat: genügt das Wissen um unser Handeln zu unterweisen. Wo aber der Zusammenhang der Erscheinungen ein solcher ist, dass wir ihn, seinem Wesen, seinen Ursachen und Folgen nach, nicht überblicken können, da versagt, die Wissenschaft und wir müssen uns an die Sittlichkeit um Rat wenden. Es ist das immer Fall, wenn es sich um die Richtung unseres eigenen Lebens, um unsere Beziehungen für unseren Mitmenschen, zu Vor und Nachwelt handelt. Das Wesen, die Ursachen und Folgen, die wahren zusammenhänge dieser Dinge, sind, - um in der Sprache der Wissenschaft zu reden – viel zu kompliziert, ihre Funktionen viel zu hoher Differen[ziertheit] space, ihre Integrations-formeln viel zu sehr zusammengesetzt, als dass die Wissenschaft etwas Sicheres, nur über die einfachsten Fragen aussagen [1/37/1] konnte, die sich hier für uns ergeben. Gelingen und Mislingen sind in der Gesellschaft von einer unabsehbaren Reihe von Faktoren bedingt. Wer vermag die Folgen einer guten Tat abzusehen, wer die Folgen einer bösen zu ermessen? Wer weiß wieviel wir unseren Vorfahren zu verdanken haben, wer, wie viel Übel wir unseren Wachfahren überlassen? Wer kennt das Maaß, in welchen die gegenseitige Hülfe unser gemeinsames Leben erleichtert, wer, um wieviel der Eigennutz das Leben aller schädigt? Wer kann es darum mit Sicherheit angeben, dass die Gewalt in einem gegebenen Falle, mehr schadet als sie nützt, wer mit Schlüssigkeit beweisen, dass ein Werk der Liebe mehr nützt als er schadet?

Diese Fragen sind es aber ohne deren Beantwortung, wir nicht leben können. Wo die Wahrheiten der Wissenschaft nicht ausreichen, wenden wir uns darum an die Wahrheiten der Sittlichkeit.

Das Zutrauen zur Wissenschaft ist heute so groß, dass wir dieses Verhältnis umgekehrt haben. In der wissenschaftlichen Weltanschauung hat sich über die Überhebung so weit verstiegen, die sittlichen Wahrheiten durch wissenschaftliche ersetzen zu wollen, oder – wie der Ausdruck lautet -, sie aus diesem abzuleiten. Der Lebensweg wird zu einem bloßen Ausdruck “der Entwicklungslehre”. Aus einem, angeblich von unserem Willen unabhängigen Naturgesetzt des ewigen Fortschritts oder der Ersparnis an Energie soll auch die höchste Direktive für alles Handeln erfließen. Die Selbsttäuschung fällt hier einem gewöhnlichen Taschenspielergriff zum Opfer: erst werden die sittlichen Wahrheiten der notwendigen Entwicklung des ewigen Fortschritts und der allgemeinen Vernunftgemäßheit hinter wissenschaftlich-objektiven Tatsachen verhüllt, um dann dieselben Wahrheiten hinter ihnen zu entdecken, die [1/37/3] man soeben erst selbst in sie hinein verlegt hatte.

Diese Ableitung des Sollens aus dem erkannten Sein der Welt ist so einfältig, dass sie nur bei den, durch Wissenschaftsanbetung völlig bigot gewordenen Seelen Aufnahme findet. Selbst die vernünftigeren Vertreter wissenschaftlicher Weltanschauung lasse sich durch dieses Blendwerk nicht täuschen und suchen anderswo Ihre Argumente auf, um die sittlichen Wahrheiten zu Gunsten der wissenschaftlichen zurückzudrängen.

Sie anerkennen den grundlegenden Unterschied zwischen Sein und Sollenswahrheiten und geben damit scheinbar den Versuch auf den Lebensweg in eine prinzipielle Abhängigkeit von der Wissenschaft zu bringen. Was ich zu tun habe ist die Frage des Sollens. Wie ich es zu tun habe, - die Frage des Seins, - so lautet ihre Zweiteilung. Sie lässt an logischer Klarheit wahrscheinlich nichts zu wünschen übrig. Da es aber kein logisches Urteil gibt, das darüber entscheiden könnte wann die eine und wann die andere Frage zu stellen ist, so dient diese Unterscheidung nur dazu, das philosophische Gewiesen zu beruhigen, die Aszendenz einer autoritären Wissenschaft aber ins grenzenlose auszudehnen. Es ist das Problem der Todesstrafe nur auf folgende Weise zu stellen, um jeden Ausseruch der Sittlichkeit auf ihre Beantwortung von vorherein abzulehnen: hat sich der Staat den Verbrecher unschädlich zu machen - ja oder nein? Die Bejahung dieser Was? Frage übergibt das Wort der Wissenschaft die dann die Wie? Frage mit oder ohne Mord erledigen mag, je nachdem es ihr gutdünkt. - Die formelle Zweiteilung in Was und Wie Fragen entspringt einer oberflächlichen Betrachtung.

Nicht zwei nebeneinander existierende, beziehungslose Reiche des Seins und Sollers oder des Was und Wie sind es, denen wir im Leben begegnen, sondern es sind zwei Gruppen von Ratschlägen die mit einander [1/37/4] im Wettbewerb stehen.

[…]

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[II. Wissenschaftliche Weltanschauung und soziologische Gesetze]

[15/51] Zwei Wege standen für die Soziologie offen, um diese Aufgabe zu lösen: die Verallgemeinerung durch die Betrachtung der großen Anzahl Einzelner statt dieser Einzelnen, und die Objektivierung durch das Ergreifen des Materiellen, äußeren und sichtbaren am Menschenleben statt des inneren Lebens selbst. Das erstere ist scheinbar keine Verallgemeinerung, betrifft doch die Soziologie von vornherein nicht einzelne sondern Gruppen, somit einer größeren Anzahl von Einzelnen. Es handelt sich aber hier nicht um den “Gegenstand” der Soziologie im stofflichen Sinn, sondern um die Grundlage für die Gesetzmäßigkeiten, die sie in diesem Stoff voraussetzt. Diese Grundlage fand sie, ziffernmäßig und exakt, das erste Mal im Gesetzt der großen Zahlen, sie die Moral Statistik darbot. Die großen Zahlen sind jedoch mathematische nicht soziologische Wirklichkeiten und haben mit Gruppen oder Verbanden nichts zu schaffen. Letztere dienten in einem anderen Zusammenhang zum Ausbau der Soziologie, wie wir sehen werden für Gesetzmäßigkeiten boten sie umsoweniger eine Grundlage, da sie, wie oben ausgeführt, in allem Wesentlichen den Einzelnen gleichen, nie die Wiederholung im Großen. Trotz Existenz von Gruppen und Verbänden verlieb darum in ihren Anfängen, als sie noch ein Mündel nicht aber eine wissenschaftliche Weltanschauung war, für die Soziologie nichts übrig als aus der Psychologie des Individuums die Impulse herzuleiten, aus denen diese Gruppen und Verbände, ja Staat und Gesellschaft selbst entstanden sind. (Hobbes, Rousseau)

[…] [30/71] Mit Recht beruft sich die Soziologie darauf, dass auch die Verbande den Menschen

[III. Die Begriffe der Soziologie: äußerlich-materielle Objekte, gesellschaftliche Einrichtungen und Verbände]

[IV. Entfremdung]

Editor's Notes

  1. The subdivisions are from Thomasberger and Cangiani in Polanyi 2005

Text Informations

Reference:
Date: 1919-1922
Recent Publications:

Lg Publication
EN Science and Morality
DE Wissenschaft und Sittlichkeit
FR « Science et moralité »

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